Warum Fahrrad fahren?
Das Fahrrad hebt die Entfremdung des Einzelnen zu seiner Fortbewegung auf. Der moderne Reisende von Welt ist nur noch eine seelenlose Hülle, ein entwurzelter Konsument und ein Geschädigter der Entfernung: Er fährt ein Auto, dessen futuristische Technik er bestenfalls erahnen kann, die er somit niemals auch nur ansatzweise beherrschen kann. Er bezahlt die Dienstleistung Transport mit Blutgeld, das er durch eine völlig andere Tätigkeit (z. B. Betteln) erworben hat, was natürlich nicht zulässig ist. Das Fahrrad ermöglicht eine andere, tiefer gehende Beziehung zur Fortbewegung. Und das ganz besonders dann, wenn der Fahrer sein Rad in den glühenden Feuern des Schicksalsberges selbst geschmiedet bzw. veredelt hat. Man kann nämlich Räder, die für andere Kloppsköppe bereits wertlos geworden sind, für sich selbst fesch herrichten. Wer alte, herrenlose Fahrräder gesucht und eingefangen, sie gewaschen, rasiert und geschminkt hat, wird eine nicht gekannte Beziehung zu seinem Fahrzeug erzielen, die weit über sexuelle Belanglosigkeiten herausgeht. Es wird schließlich sein Rad. Mensch und Maschine verschmelzen zu einer immerfort fuhrwerkenden Einheit, die nur eines kennt: Fortbewegung, und das um jeden Preis. Doch auch während des Fahrens hat der Radler ein ungleich intensiveres Verhältnis zu seinem Gefährt, als beispielsweise der vulgäre Reisende in einem Flugzeug. Er ganz allein ist für sein Fahrzeug verantwortlich (und nicht die alkoholisierten Mitarbeiter einer Werkstatt oder der geldgierige Hersteller), er bestimmt über den Fahrerfolg (und nicht die Stärke des Motors bzw. die Größe und Beschaffenheit der Füße). Er versteht nur zu gut, warum manche Autofahrer so gerne mit ihren "Fahrleistungen" prahlen. Denn das ist in Wirklichkeit das von vorneherein zum Scheitern verurteilte Unterfangen, sich der vielfach stärkeren Maschine gewachsen zu zeigen. Ein Fahrradfahrer aber kann darüber nur müde lächeln und schwitzt weiter.
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